Legendäre 24h-Tour

Entstanden ist die Idee zur diesjährigen 24h-Tour im Car auf der Rückfahrt von der Alpe d’Huez im letzten Sommer. Die Strecke wirkte auf den ersten Blick schon ziemlich extrem, aber nach diversen Diskussionen mit Streckenchef Marcel Wyss und erprobten 24h-Teilnehmenden aus früheren Jahren waren wir uns einig: es wird extrem – extrem gut! Schliesslich gehört ein wenig leiden vor dem Feiern dazu.

Zum ersten Mal startete die Thömus 24h Tour in Richtung Osten und erreichte bereits nach weniger als 50 Km in Affoltern im Emmental den höchsten Punkt der ersten Streckenhälfte. Die sanften Steigungen waren auf dem Profil kaum ersichtlich, im Vergleich zu dem, was uns später noch erwarten wird. Entsprechend hoch war auch das Tempo aller Gruppen und der erste Verpflegungsposten in Zug wurde mit fast einer Stunde Vorsprung auf die Marschtabelle erreicht.

Frisch gestärkt ging es über den bekannten Hirzelpass, wobei auch hier die Bezeichnung «Pass» eher übertrieben wirkte. Runter zum Zürichsee und entlang vom Obersee ging es weiter in Richtung Bündnerland und zum Walensee. Der berüchtigte Föhn im Churer Rheintal blieb uns zum Glück erspart.

Nach dem Abbieger in Landquart ins Prättigau ging es langsam aber stetig  – auf angenehmen Velowegen abseits des Verkehrs – auf 1200 Meter nach Klosters.

In Klosters, immer noch vor dem Zeitplan, konnten sich die Fahrer:innen nach der Verpflegung eine Weile hinlegen. Eine Option, die rege genutzt wurde – schliesslich stand ein Grossteil der Höhenmeter noch an.

Doch nach dem Wolfgangpass (anstrengender, als er aussieht) und dem Flüelapass (bitterkalt in der Nacht) stand in Zernez bereits das Frühstück für uns auf dem Tisch. Selten hat ein Cappuccino besser geschmeckt!

Frisch gestärkt nahmen wir den Ofenpass in Angriff, brausen abwärts, durch das Vals Müstair, das Vinschgau und erreichen Prato, wo wir nach der Kälte der Pässe bereits wieder ziemlich ins Schwitzen kommen. Auch diese Pause wird noch etwas verlängert – einerseits um Kräfte zu sammeln, andererseits weil die Passstrasse und unsere Hauptattraktion durch den Dreiländer Giro noch sehr voll ist.  

Und dann fing an, worauf wir die letzten 357 Kilometer gewartet hatten: Die Strasse hoch zum Stilfserjoch oder Passo dello Stelvio. 48 Kehren, die am Hang zu kleben und kein Ende zu nehmen scheinen, verteilt auf 1850 Höhenmeter. Unsere Begleitfahrzeuge hatten sich zusammengeschlossen und zwei weitere Verpflegungsposten vorbereitet. Willkommene Pausen in der bereits dünner werdenden Luft. Beim letzten Verpflegungsposten bei der Franzenshöhe ist das Ziel bereits sichtbar. Und auf einmal hatten wir es geschafft. Ein unglaubliches Gefühl, auch für die erfahrenen Teilnehmenden der Tour.

Beim Ausrollen nach Bormio stieg die Temperatur mit jeder Kurve an, bis wir schliesslich auf dem Hotelvorplatz einrollten und unseren wohlverdienten Aperol Spritz geniessen konnten.

24 Stunden in drei Minuten

Bike Expo 2022

Neuheiten entdecken, Pläne für das Velojahr schmieden, verschiedenste Bikes testen und spannenden Talks folgen – so lässt sich die Bike Expo in wenigen Worten zusammenfassen.

In diesem Jahr konnten wir mit dem Sliker X Ultimate unser neustes Gravelbike vorstellen. Leichter als ein Mountainbike und dabei robuster als ein Rennvelo: der Sliker X Ultimate vereint die positiven Eigenschaften beider Kategorien. Vielseitig, komfortabel, leicht und schnörkellos passt er sich deinem Leben an. 2-fach oder 1-fach Antrieb, mechanisch oder elektronisch, City-Kit oder Rennrad-Lenker, Reifenbreite bis zu 50mm – du bestimmst das Einsatzgebiet. Kabel, Sattelklemme, Steckachsen und Carbon-Flaschenhalter sind im Rahmen oder im Lenker integriert. Das abgeschrägte Oberrohr und die damit verbundene niedrige Überstandshöhe bringen Sicherheit im Gelände. Eine Vielzahl an Ösen und Befestigungspunkte machen Lust auf Bikepacking und andere Abenteuer – wie das Pendeln zur Arbeit im Stadtverkehr – der Sliker X Ultimate ist ein Velo fürs Leben.

Aber auch die Talk Gäste des Abendprogramms waren einmal mehr ein Highlight: Altbundesrat Adolf Ogi, Nationalrat Matthias Aebischer, Schwingerkönig Christian Stucki, Unternehmer und Unterhalter Marc Trauffer, Weltrekordhalter Heinz Frei und Mobilitätsspezialist Benedikt Weibel liessen die Gäste lachen, staunen und Neues lernen.

Save the Date: am 8. September geht es mit dem Rampenverkauf in die nächste Runde in Oberried.

Impressionen der Bike Expo

Komm an die Thömus Days

Die Pandemie verunmöglicht leider auch in diesem Jahr die Durchführung der traditionellen Bike-Expo. Nichts­des­to­trotz könnt Ihr viele Elemente der Bike-Expo auch jetzt in Oberried erleben. Komm an die Thömus Days und besuch uns im Bike Resort Oberried, lerne Neuheiten kennen, entdecke Highlights und profitiere von tollen Angeboten. Wir beraten dich und du kannst alle Bikes gleich vor Ort testen. Und selbstverständlich haben wir auch Würste, Getränke oder am Samstag ein Stück der legendären Crèmeschnitte zum Mitnehmen.

Die Thömus Days sind nicht nur die persönlichsten, sondern auch die längsten Velotage der Schweiz. Sie dauern mindestens noch bis 24. April. Wegen dem grossen Erfolg werden wir die Thömus Days allerdings wohl auch im Mai weiterführen.

Ob MTB, Rennrad, Gravel oder E-Bike, im Bike Resort Oberried haben wir die das richtige Velo für dich. Wir freuen uns auf deinen Besuch.

Öffnungszeiten

  • Dienstag bis Freitag: 10.00 – 18.30 Uhr
  • Samstag: 09.00 – 16.00 Uhr
  • Montage, Sonntage und Feiertage geschlossen

Ausgezeichneter Sliker E1

Thömus Sliker E1 gewinnt den Design & Innovation Award 2020 in der Kategorie Roadbikes & Road Equipment.

Der Design & Innovation Award ist der einzige Award, bei dem Produkte real getestet, ganzheitlich beurteilt und kritisch fundierte Aussagen getroffen werden. Über zwei Wochen lang befasst sich das unabhängige Award-Team mit den Kandidaten und testet alle Produkte auf Herz und Nieren, bevor ein Urteil gefällt wird.

Ihr Fazit nach dem Test:
Thömus bietet mit dem Sliker E1 eine innovative und sportliche Zwei-in-Eins (E-)Rennrad-Lösung, die durch Performance und Individualisierbarkeit überzeugt und sich damit von jeglicher Konkurrenz abhebt.

24h Tour Monaco 2019

Von Oberried ans Mittelmeer – eine Velotour der Superlative

In tiefem Marineblau glitzert das Meer vor der steilen Felsenküste, Yachten reihen sich eng aneinander, Hochhausfassaden scheinen dem Meer senkrecht zu entwachsen. Luxus, Sommerferien, Fruits de mer und Champagner-Parties. Monaco: Steuerparadies und Inbegriff des Jet-Sets. Hier wohnt niemand der schönen Landschaft wegen, sondern weil es sich lohnt. Mit weit weniger Glamour wartet Oberried auf – um korrekt zu sein: Niederscherli, Gemeinde Köniz. Gut zwanzig Autominuten von der Landeshauptstadt entfernt, und doch eine Welt weit weg. Ein ehemaliger Bauernhof, heute Velo-Mekka und Hauptsitz von Thömus Veloshop. Wo sich früher Milchkühe eng aneinanderreihten, warten nun Unmengen von Velos in allen Formen und Farben auf ihre neuen, glücklichen Besitzer. Ich fahre seit drei Jahren Rennvelo. Das erste Jahr nur an den Wochenenden, als Ausgleich zum Beruf. Vergangenes Jahr ambitionierten mit einigen Alpenpässen und Tagestouren jenseits der 100-Kilometer-Marke. Für dieses Jahr habe ich mir noch mehr vorgenommen. Der erste Schritt in die Saison ist ein neues Velo, das auf meine Körpergrösse, Sitzposition und Haltung angepasst wird. Während die Software meine Körperdaten verarbeitet, fällt mir die Broschüre mit dem Foto des kleinen Fürstentums am Mittelmeer in die Hände: Einige veloverrückte Hobbysportler wollen in 24 Stunden von Oberried nach Monaco radeln. Unmöglich, denke ich mir. „Bisch drbi?“, fragt mich der freundliche Velohändler. Ich zögere einen Augenblick. Reizen würde mich das Abenteuer schon, aber das ist doch schlicht unmöglich. Ich suche nach einer unverbindlichen Antwort und entscheide mich für ein zurückhaltendes: „Ich schau’s mir mal an“. Wie bei einem Date, bei dem man nach der ersten Viertelstunde weiss: Da wird nichts draus, und sich trotzdem nicht dazu durchringen kann, das Ganze abzubrechen. Am Ende verabschiedet man sich freundlich und einigt sich halbherzig auf ein Wiedersehen, das nie stattfinden wird. 

Drei Stunden später stecke ich im Zürcher Vorabendverkehr. Meine Inbox meldet sich mit einer neuen Nachricht: „Herzlichen Dank für deine Anmeldung für die 24h-Tour“. Ernsthaft?! Ich empöre mich im ersten Moment, dass aus meiner freundlichen Unverbindlichkeit ungefragt Tatsachen geschaffen wurden und erwäge, meine Anmeldung mit einer gepfefferten E-Mail zurückzuziehen. Schliesslich lasse ich es bleiben. Eine E-Mail ist nur eine E-Mail, mehr nicht.

Kurze Zeit später meldet sich WhatsApp: „Du wurdest der Gruppe24h-Tour Monaco“ hinzugefügt. Sie meinen es also doch ernst. Profilfotos checken. Wer lässt sich zu so einer Spinnerei überreden? Sind das alles Halb-Profis mit Profilbild im Renndress? Kenne ich jemanden? Kurz nach der ersten WhatsApp Gruppe folgt die zweite: Gr3 – 24h, also „meine“ Gruppe, Nr. 3. Wir organisieren ein erstes Treffen, ein Nachtessen in Bern. Immerhin, nicht gleich eine Passfahrt oder ein Team-Zeitfahren. Ich mache mich mit gemischten Gefühlen auf den Weg ins Länggassquartier, die Vorfreude, meine Team-Kameraden kennenzulernen mischt sich mit Zweifel, ob ich der Herausforderung einer 24h-Tour überhaupt gewachsen bin. Händeschütteln, Küsschen, unbekannte Gesichter und Namen. Was vereint ist die Leidenschaft für das Velo und so sind die Gesprächsthemen schnell gefunden: Vorbereitung, Ausrüstung, Ernährung, Schlaf, Fahren am Berg, in der Gruppe und in der Nacht. Ich sitze im Zug zurück nach Zürich und habe neue, sympathische Menschen kennengelernt, mit denen ich ein Hobby teile. Aber der Respekt vor der sportlichen Leistung nicht kleiner geworden, sondern eher grösser.

Einrollen

Ich erzähle nur wenigen Freunden, worauf ich mich eingelassen habe. Schliesslich will ich mir die Option offen lassen, mich ganz diskret kurzfristig wieder abzumelden. Eine E-Mail ist nur eine E-Mail, nicht mehr. Ich müsste nur schreiben, ich sei krank, hätte einen medizinischen Eingriff vor oder hinter mir oder mein berufliches Engagement lasse eine seriöse Vorbereitung nicht zu – schon bin ich aus dem Schneider. Wem ich es erzähle, fragt ungläubig nach: „Von Bern nach Monaco? Mit dem Velo? Ohne Pause?“. Ja, ja, ja. Und dann kommt die unvermeidliche Frage: „Warum denn das?“. Meine hilflosen Erklärungsversuche scheinen sie nicht recht zufriedenzustellen. Auch für mich selbst muss ich eine Begründung zurechtlegen, die mich motiviert, aufs Velo zu steigen. Bei schönem Wetter abends draussen noch eine Runde zu drehen, bei Regen und Wind drinnen auf dem Hometrainer. Es ist April und der Winter meldet sich mit Schnee bis in die Niederungen und frostige Temperaturen zurück. Bis auf einige Ausfahrten im März habe ich dieses Jahr noch nicht allzu viele Trainingskilometer gesammelt. Bei der Internetrecherche stosse ich ausnahmslos auf Artikel, die eine mehrmonatige, fokussierte Vorbereitung für Langdistanzwettkämpfe abhandeln: Aufbautraining im Herbst und Winter, Steigerung des Pensums im Januar und Februar, Strassentraining im Frühling und dann der Finish im Monat vor dem Wettkampf. Mir bleiben zweieinhalb Monate und ich stelle mir einen rudimentären Trainingsplan zusammen.

Die Ausrüstung spielt eine wichtige Rolle. Man soll auf der Tour nichts Neues ausprobieren, so der Ratschlag unseres Gruppenchefs. Die Packliste birgt Überraschendes: Leuchtweste, Lupine, Salztabletten, Sitzcrème – Dinge, die ich bis anhin nicht mit Velofahren in Verbindung gebracht hatte. Ich gehe die Liste Punkt für Punkt durch und besorge, was noch fehlt. Was sich da auf der Ladentheke auftürmt, erinnert eher an eine Wüstendurchquerung als an eine Velotour. Mit dem Einkauf schliesse ich einen stillen Vertrag mit mir selbst: Das Material ist beschafft, daran kann es nicht mehr scheitern. Nun muss ich nachziehen – pacta sunt servanda. Ich versuche, das Training in meinen Tagesablauf einzuplanen, doch Witterung und Agenda lassen sich nur bedingt aufeinander abstimmen. Die Ruhetage sind das Schwierigste. Wie viel Pause braucht mein Körper? Wann überfordere ich mich? Müsste ich mehr trainieren? Je näher der Wettkampf rückt, umso erleichterter bin ich, dass der grosse Tag bald da ist. Zwei Wochen bevor es ernst gilt, ist die Spannung aufreibend: Meine Gefühlswelt mäandert zwischen sportlichem Ehrgeiz, in den letzten Tagen noch einmal an die Grenze zu gehen, das Maximum herauszuholen und dem nüchternen Verstand, der sich an die Trainings-Ratschläge erinnert, die vor einer Höchstleistung Ruhe und Erholung verordnen. Ich ringe mich zu einem Kompromiss durch. Eine letzte Ausfahrt: 160 Kilometer, Sommerhitze, Zürichsee, Pragelpass, Zugersee und wieder zurück. Nach diesem Parforceritt quäle ich mich durch die selbstauferlegte Velo-Askese. Mein Smartphone arbeitet gegen mich: Zuverlässig meldet sich die Velo-App Strava mit Updates meiner Velo-Freunde, die bei schönstem Sommerwetter fleissig Trainingskilometer und Auszeichnungen sammeln. Zweifel kommen auf: Habe ich genug trainiert? Dann folgt die Push-Nachricht: „Sie sind weniger aktiv als üblich. Sagen Sie uns warum“ – Frechheit! Es hilft, dass ich in den Tagen vor der Tour einige Verabredungen mit Freunden habe, die glücklicherweise nicht dem Clan der Velofahrer angehören. Mein bevorstehendes Abenteuer verschweige ich in diesen Gesprächen ganz bewusst – so bleibt der französische Abgang immer noch eine Option.

Prolog: Hundstage

Die Hitze in den Tagen vor der Tour ist unerträglich. Das Thermometer kratzt an der 40-Grad Marke, an Bahnhöfen werden Sonnencrème und Glacés verteilt, das Bundesamt für Meterologie erhöht die Hitzewarnungen auf Stufe vier von fünf – fünf wurde noch nie ausgesprochen. Per E-Mail erreichen mich die letzten Informationen. Die Hitze ist selbstverständlich Thema: Ein Link führt zu einem Video. „Trinken, trinken, trinken – mindestens 0.8 Liter pro Stunde“, erinnert uns der erfahrene Tourenfahrer. „Du kannst nicht zu viel trinken. Was zu viel ist, kommt unten wieder raus. Für den Elektrolytenhaushalt braucht es Salz, für die Haut Sonnencrème, dazu viele kurze Pausen, und ganz wichtig: die eigenen Grenzen kennen.“ Die Ratschläge sind naheliegend, und doch bin ich beunruhigt. Woher soll ich meine Grenzen kennen auf einer Tour, die in jeder Dimension ausserhalb meiner Grenzen liegt? 

Es ist Freitag, der Tag vor dem grossen Tag, und ich packe meine Tasche. Packen hat für mich etwas Rituelles; Vorfreude mischt sich mit einer unbestimmten Nervosität. Die Liste wird fein säuberlich abgehakt. Punkt für Punkt füllt sich die Tasche. Drei Sets an Velokleidung verschwinden in wiederverschliessbaren Plastikbeuteln, eine beeindruckende Sammlung an Ladekabeln, verschiedene Tuben, Salben und Tabletten ebenso. Alles da, alles gepackt. Die brütende Hitze der letzten Tage liegt schwer über dem Mittelland. Der Abend kommt, nicht so die ersehnte Abkühlung. Mein Freund und ich essen draussen. „Auf Monaco!“, die Gläser klirren, meine Stimme nicht ganz so entschlossen wie seine. Er fährt mit dem Auto, ich mit dem Velo. 

Nach einer quälenden Nacht öffne ich um 5.30 Uhr das Fenster und versuche den Schlaf abzuschütteln. Richtig frisch ist es auch in diesen frühen Morgenstunden nicht, aber es reicht, um die Watte aus dem Kopf zu kriegen. Die Taschen sind verstaut, das Velo bereit für das 24h-Abenteuer und wir steigen ins Auto. Ich tippe „Oberriedgässli, Niederscherli“ ins Navigationssystem – Ortsnamen, die diese typisch schweizerische Bescheidenheit verkörpern und deren vertrauten Klang ich nach längeren Auslandsaufenthalten jeweils vermisse. 

Im Veloshop Thömus in Oberried angekommen, muss alles schnell gehen: Anmeldung, Notfallblatt abgeben – man weiss ja nie – Wasserflaschen füllen, essen, trinken, Abschiedsküsse, WhatsApp Nachrichten, als würde ich zu einem Mondflug aufbrechen. Wir werden zum Briefing aufgerufen, oben im Dachstock. Zum ersten Mal ist unsere Gruppe komplett. Mit diesen Menschen werde ich die nächsten 30 Stunden verbringen, Rad an Rad. „Zäme schwitze, zäme liide, zäme fiire“, das Motto wird übergross auf die Leinwand projiziert. Ein bunt gemischter Haufen, Männer und Frauen, Pärchen und Einzelkämpfer, irgendwo zwischen Dreissig und Sechzig, Berner, Walliser, Aargauer, Zürcher, Freiburger. Erleichtert entdecke ich einige bekannte Gesichter von unserem ersten Treffen, man nickt sich zu, um die Ausführungen zum Streckenverlauf nicht zu stören. Nach dem Briefing bringen wir unser Gepäck zu den Begleitfahrzeugen. Ein zweites stilles Bekenntnis: Das Gepäck reist nach Monaco, also sollte ich auch irgendwie irgendwann dort ankommen. Wir reihen uns auf der schmalen Strasse auf, Frauen vorne, Männer hinten, der Countdown zeigt eine Minute bis zum Start. Abschiedsfotos für die Daheimgebliebenen und für Strava – besser, solange man noch frisch aussieht. Es geht los. Wir rollen langsam über die Startlinie, Kilometer 0 von 572. 

Etappe 1: Das Abenteuer beginnt

„Alleine kommst du nicht nach Monaco, das geht nur in der Gruppe“, hiess es im Briefing. Das heisst: Windschattenfahren und Ablösung an der Spitze. Ich habe kaum Erfahrung im Gruppenfahren und muss mich darauf konzentrieren, immer dicht am vorausfahrenden Hinterrad zu bleiben. Wir fahren in Zweierreihen und üben uns im Belgischen Kreisel. Das Ganze hat etwas von Speed-Dating: im Fünf-Minuten-Takt gesellt sich ein neues Gesicht neben mich. Zuerst klärt man die Eckwerte: Name? Woher? Das erste Mal 24h-Tour? Und sonst so, beruflich? Etwas Small Talk, die einen sind gesprächiger, die anderen weniger. Wir rollen durch das Freiburgerland, dem Greyerzersee entlang in die Waadt und schliesslich ins Wallis. Die Geburtstafeln illustrieren den Sprachwechsel: aus Lea wird Léah, die Sujets bleiben die gleichen: Storch mit Baby im Tragtuch, Elefant mit Riesenohren, niedlicher Bär oder lachende Kuh. 

Bis zum ersten Verpflegungsposten sind es gut 170 Kilometer – eine Distanz, die ich bis zum heutigen Tag mit einer langen Ganztagestour gleichgesetzt hatte. Jetzt markierte sie die erste von fünf Etappen. Obwohl wir bereits nach wenigen Kilometern den ersten Plattfuss haben und weitere kleinere und grössere Defekte folgen, kommen wir zügig voran und bleiben im Zeitplan. Der Wind hilft mit und trägt uns auf dem letzten Abschnitt von Montreux bis Martigny. In Martigny erwartet uns Gruppe 1 am Verpflegungsposten, sie sind dreissig Minuten früher aufgebrochen und machen sich nun auf den Weg in Richtung Grosser St. Bernhard. Wir retten uns in den Schatten. Am frühen Nachmittag, brennt die Sonne gnadenlos. Mit in Eiswasser getränkten Waschlappen versuchen wir, unsere Körper abzukühlen. 

An jedem Verpflegungsposten bleibt uns eine Stunde. Für mich bedeutet das, ein einstudiertes Programm abzuspulen, vier Mal exakt der gleiche Ablauf: Velo abstellen und zwar so, dass ich es wieder finde, Navigationsgerät, Handy und Smartwatch am portablen Akku aufladen, und dann arbeite ich mich entlang der Maslow’schen Bedürfnispyramide hoch. Zuerst die körperlichen Grundbedürfnisse befriedigen: trinken, essen, schlafen, Toilette — oder häufiger Gebüsch. Erst dann richte ich den Fokus auf die unmittelbare Zukunft: Frische Kleidung anziehen, Brille reinigen, Bidons füllen, Proviant für die nächste Etappe fassen, Oberschenkel und Rückenmuskulatur lockern und weiter geht‘s! 

Etappe 2: Der Berg und Du

Auf dem nächsten Streckenabschnitt erwartet uns die grösste Herausforderung der ganzen Tour: der Grosse St. Bernhard. Vor einer Woche hatte ich mich dazu hinreissen lassen, auf quaeldich.de nachzulesen. „Einer der längsten Alpenpässe“ wird da geschwärmt und „der letzte ist der schönste, weil steilste Teil“. Über vierzig Kilometer zieht sich der Anstieg hin, anfangs mit moderater Steigung auf gut ausgebauter Strasse. Wir sind die einzigen Velofahrer weit und breit, die Hitze dürfte mitschuldig sein. Die Sonne kennt auch am späten Nachmittag kein Erbarmen. Am Berg, wo der Fahrtwind ausbleibt, ist die Hitze des Asphalts noch unerträglicher. Es fühlt sich an als ob mich die Naturgewalt von oben und unten in die Mangel nehmen würde. „Wer den Grossen St.Bernhard bezwingt, schafft es nach Monaco“. Die Worte aus dem Briefing nehme ich als Mantra für die vierzig Kilometer am Berg. Ich wiederhole sie in Gedanken immer wieder und trete in regelmässigem Rhythmus in die Pedalen, den Blick auf die Strasse gerichtet. Kurve für Kurve schraube ich mich den Berg hoch. Die Häuser im Tal werden kleiner und die Landschaft karger. Die letzte Tankstelle, wie immer mit kleinem Souvenirshop. Ein übergrosser Bernhardiner aus Holz winkt vom Strassenrand und wünscht mir gute Fahrt, buon viaggio, Dankeschön.

Oben angekommen, bin ich mit dem Velo noch nicht am Ziel. Die Strasse verzweigt sich: Links Autotunnel, rechts Passtrasse. Ich fahre an der Autokolonne vorbei und biege rechts ab, in unbekanntes Terrain und gelange auf eine Passstrasse wie aus dem Bilderbuch. Die Vegetation hat sich dem rauen Klima angepasst, die Kurven werden enger und steiler. Letzte Überreste des Winters schmelzen in der Sommersonne dahin. Einige Wanderer warten auf ein Postauto, das sie aus dieser fremdartigen Mondlandschaft zurück in die Heimat bringt, und heben anerkennend ihre Gehstöcke zum Gruss. Spiegel warnen in den Serpentinen vor dem Gegenverkehr, so eng windet sich die Strasse um den Fels. Ein Schild markiert die letzten zwei Kilometer bis zum Hospiz. Kurve um Kurve hoffe ich, am Ausgang die Passhöhe zu erkennen, muss mich aber gedulden. Endlich ist das Hospiz erkennbar. Das Etappenziel vor Augen, spule ich die letzten Meter ab und erreiche den zweiten Verpflegungsposten. Es folgt das gleiche Spiel wie in Martigny: dieselben Rituale, die gleichen Abläufe. Ich halte mich stur daran und bin dankbar, dass ich nicht nachdenken muss. Die Hitze und die Höhenmeter haben mir zugesetzt; angefangene Gedanken reissen ab und verlieren sich.

Das Essen wird wichtiger, je länger wir unterwegs sind. Ich esse nicht mehr, um meinen Hunger zu stillen, sondern präventiv, um erst gar keinen Hunger aufkommen zu lassen. Lust oder Genuss sind keine Kriterien. Auf dem Pass erwarten uns lauwarme Rigatoni, Tomatensauce oder Pesto, Reibkäse und ein Ruchbrot, wie es in Skilagern und Jugendherbergen zu jeder Mahlzeit gereicht wird. Jede Suppenküche bietet mehr Auswahl, doch auch dafür bin ich dankbar. Weniger Optionen heisst weniger denken, und das ist gut so. Nach einer Stunde ist auch diese Pause vorbei und wir bereiten uns vor auf die nächste Etappe. 

Etappe 3: Die Nacht

Für die lange Abfahrt ziehen wir wärmere Kleidung an. Die Sonne steht tief und scheint nun sanft, fast versöhnlich, über die Felskuppen. Wir sausen Kurve um Kurve dem Tal entgegen. Kleine Dörfchen mit französischen Ortsnamen kleben am Hang und heissen uns mit Schildern willkommen. Alles scheint in dieser unwirtlichen Umgebung zur Strasse hin gewandt. Sie bringt das Leben in die verstreuten Siedlungen. Die Männer in der Gruppe fahren schnell, sehr schnell. Sie beugen sich in Rennfahrermanier über den Lenker, verlagern ihren Schwerpunkt nach unten und verringern ihren Luftwiderstand. Wir fahren in die Abenddämmerung und die Temperatur steigt wieder langsam an, je weiter wir uns in Richtung Talebene bewegen. Aosta lassen wir im Eilzugstempo hinter uns und rollen kräftesparend durch das Aostatal in die Nacht hinein. Bei einer kurzen Trinkpause montieren wir unsere Lampen und Leuchtwesten und könnten nun als eine dieser Segway-Gruppen durchgehen, die sich rund um den Globus durch den dichten Verkehr der Innenstädte pflügen. Wir fahren weiter, immer noch in Zweierreihen, in die Nacht hinein. 

Meine Augen gewöhnen sich allmählich an das unruhige Licht, das mein Vordermann auf die Strasse wirft. Die Nacht verschiebt meine Sinne: Mir scheint, wir fahren viel schneller und die Vorstellung, an der Spitze der Gruppe in ein dunkles Nichts hinein zu fahren, beunruhigt mich. Um die Distanz zu meinem Vordermann zu halten, fokussiere ich meinen Blick auf einen bestimmten Punkt. Noch nie habe ich einer Sattelstütze derart viel Aufmerksamkeit geschenkt. Ich bin sicher, ich könnte sie heute noch exakt und mit jedem Detail nachzeichnen. Mein ganze Wahrnehmung konzentriert sich nun auf Augen und Ohren, während meine Oberschenkel, meine Hände und meine Füsse in den Hintergrund treten. Als ob die Dunkelheit sie verschluckt hätte. Wir reden weniger in der Gruppe, und ich bin froh darum. So kann ich mich mit voller Hingabe dem Studium der Sattelstütze widmen. Bei Kilometer 324 erwartet uns in San Mauro Torinese der dritte Verpflegungsposten: Ein einfacher Parkplatz im Dorfkern, den wir um halb drei Uhr morgens erreichen. Die schwache Strassenbeleuchtung taucht die Szenerie in ein milchiges Licht, das alles weich und undeutlich macht. Stimmen, die in der Dunkelheit weiter weg zu sein scheinen als am Tag. Vielleicht ist es auch die Müdigkeit, die meine Wahrnehmung eintrübt und die Konturen verschwimmen lässt. Wir schlagen unser Nachtlager auf. Wolldecken werden auf dem Asphalt ausgerollt, unsere Taschen dienen als Kopfkissen. 

Die Nacht bringt kaum Abkühlung, das Thermometer auf meinem Navigationsgerät zeigt noch immer 27 Grad. Ich lege mich auf die Wolldecke und spüre, wie meine Muskeln ihre Spannung verlieren und mein ganzer Körper unendlich schwer wird. Ich sinke in einen schwarzen, bodenlosen Schlaf, der sich anfühlt als ob ich ertrinken würde. Ich tauche ab und gebe mich ganz der inneren Dunkelheit hin. Zwanzig Minuten Schlaf – für mehr reicht es nicht. Die Stimme unseres Gruppenleiters reisst mich aus der Tiefe: „Gruppe drüü: i siebe Minute geits wiiter!“. Wo bin ich? Wer liegt neben mir? Wo ist mein Velo? Ich brauche einige Sekunden, bis alles wieder sortiert ist. Ich fühle mich, als wäre ich aus einer Narkose erwacht und überprüfe Gliedmasse um Gliedmasse, ob alle Körperteile noch funktionstüchtig sind. Alles noch dran, alles noch da. Beim aufstehen spüre ich die Kilometer in den Beinen. Aber immerhin ist nun mehr als die Hälfte geschafft, sage ich mir. Die Müdigkeit hält sich hartnäckig und die bewährten Helfer, ein doppelter Espresso oder eine kalte Dusche, in weiter Ferne. 

Etappe 4: Begegnungen mit dem inneren Schweinehund 

Zum ersten Mal muss ich mich überwinden, wieder auf das Velo zu steigen. So sieht also mein innerer Schweinehund aus, denke ich mir. Gar nicht so furchteinflössend, wie ich vermutet hatte. Ich interpretiere das doppelte Klicken der Pedalen als Besiegelung meines Schicksals und finde mich mit der Tatsache ab, dass es weiter geht. Meine Konzentration ist rasch zurück und ich bin stolz, diesen Moment der inneren Schwebe, diesen luftleeren Zustands, der mit Gleichgültigkeit ausgefüllt war, bezwungen zu haben. In dieser aufgeladenen Stimmung fahre ich in die Morgendämmerung, die Ende Juni früh einsetzt. Die Sonne und ihr warmes Licht helfen mir, die letzte Müdigkeit abzustreifen. Nach einer einsamen Nacht erwacht auch unsere Gruppe wieder zum Leben. Da und dort hört man ein Lachen, einen Spruch oder ein Ruf von hinten, die Vorderen mögen das Tempo in den Steigungen etwas mässigen. Kräfte sparen lautet nun die Devise. Das Gelände wird hügliger und es gilt intelligent zu fahren: Langsam und gleichmässig aufwärts, dann beschleunigen bei der Abfahrt, um das Tempo in die Ebene mitzunehmen. Ein weiterer heisser Tag kündigt sich an. Schon um neun Uhr morgens bilden sich kleine Schweissperlen auf meinen Unterarmen und die Temperatur steigt mit jeder Stunde. Meine frühmorgendliche Euphorie hat sich bereits verflüchtigt, die Hitze setzt mir zu und das Schlafdefizit macht sich bemerkbar. Noch zwei Stunden bis zur nächsten Pause. Für mich werden es die zwei härtesten Stunden auf der ganzen Tour.

Der vierte und letzte Verpflegungsposten liegt auf einem kleineren Pass, dem letzten grösseren Hindernis auf unserem Weg nach Monaco. Zwar ist der Colle di Nava mit seinen 934 Metern über Meer ein bescheidenes Pässchen, doch die Vormittagssonne brennt. Es ist noch zu weit, als dass die verbleibenden Distanz bis zum Ziel als Motivation dienen könnten. „Nur noch 130 Kilometer“, das zieht nicht. Nachdem ich meinen inneren Schweinehund schon besiegt geglaubt hatte, meldet er sich nun wieder zurück und begleitet mich auf diesen 45 leicht ansteigenden Kilometern bis zum letzten Verpflegungsposten. Ich suche das Gespräch mit meinen Kolleginnen und Kollegen, lenke mich ab und versuche, die Landschaft genauer wahrzunehmen, die verschiedenen Grüntöne der dicht bewaldeten Hügel. Wenn der Kopf am Limit ist, muss der Körper einwandfrei funktionieren, und so schiebe ich mechanisch getrocknete Aprikosen in meinen Mund, lasse sie dort zergehen und spüre dem süss-säuerlichen Geschmack nach, den sie auf meiner Zunge hinterlassen. Unser Gruppenchef gibt sich alle Mühe mich zu ermutigen: „Noch 12 Kilometer, dann ist es geschafft!“ Ich nicke, Daumen nach oben, „Ja, wir schaffen das!“, mehr zu mir selbst als zu ihm, die Kraft der selbsterfüllenden Prophezeiung beschwörend. Früher oder später kommt jeder an den Punkt, an dem man ans Aufgeben denkt. Da ist man dankbar für Solidarität. Eine, die Mut macht, nicht bemitleidet.

Ich rolle in den Parkplatz auf der Passhöhe ein, der Helfertrupp hat bereits seine Zelte aufgeschlagen und serviert Kartoffelsalat. Mit schicksalsergebener Gleichgültigkeit schiebe ich diese letzte Mahlzeit in mich hinein, die irgendwie gleich schmeckt wie die drei davor. Trotz Hitze, Erschöpfung und Müdigkeit stellt sich bei mir nun eine gewisse Zuversicht ein; die Gewissheit, dass das Ziel in eine für mich fassbare Distanz vorgerückt ist, gibt mir Mut. Ein letztes Mal spiele ich meinen Ablauf durch, ein letztes Mal wechsle ich meine Kleidung, bei brütender Hitze auf einer öffentlichen Toilette, die riecht, wie die meisten öffentlichen Toiletten an einem beliebten Ausflugsziel im Hochsommer. Egal, bald ist es vorbei. Dann kann ich endlich duschen und den ölig staubigen Film aus Schweiss, Sonnencrème und Strassenstaub von meinem Körper waschen. Diese letzte Pause verlief schweigsamer als die drei vorhergehenden. Alle Fragen sind geklärt, für Witze und Blödeleien fehlt die Energie. Das Leiden ist absehbar, nun folgt die Kür: ein langer Zieleinlauf. Wie die Schlussetappe der Tour de France, die niemand mehr so richtig ernst nimmt, oder das Spiel um den dritten Platz an einer Weltmeisterschaft. Man muss es noch zu Ende bringen, aber die Entscheidung ist bereits gefallen.

Etappe 6: Das Ziel ist das Ziel

Der letzte Streckenabschnitt birgt kaum technische oder physische Herausforderungen, nur die Hitze macht uns zu schaffen. Bei knapp vierzig Grad Celsius bläst uns ein Wind entgegen, der Muskeln und Hirn langsam mürbe macht als befänden wir uns in einem gigantischen Umluft-Backofen. Wir legen auf diesem letzten Abschnitt häufig kurze Trinkpausen ein. Wer jetzt nicht aufpasst, riskiert eine Dehydrierung. Und aufgeben will jetzt keiner mehr. Wir nehmen uns also die Zeit und legen kurze Pause ein, um unsere Bidons nachzufüllen und um die Lücken zu schliessen, die nach den kleineren Anstiegen entstehen, die auf diesen letzten Kilometern noch auf uns warten. Mit knapp 500 Kilometern in den Beinen geht jede noch so kleine Steigung an die Substanz. Die Strecke führt uns auf einen neu ausgebauten Veloweg. Spaziergänger mit Kinderwägen, Jugendliche mit Inline-Skates und elektrischen Trottinetts und E-Bike Fahrer werden von uns mehr oder weniger rücksichtsvoll umfahren oder aus dem Weg kommandiert. Die Toleranz für alles, was ausserhalb der Gruppe stattfindet, ist mittlerweile bescheiden. Rotlichter, Fussgängerstreifen, Fahrverbote – alles bloss menschengemachte Hindernisse, die grosszügig ignoriert werden. Autofahrer, gegenüber denen ich mich als Velofahrer im Strassenverkehr sonst stets benachteiligt fühle, begegne ich inzwischen mit einer gewissen Arroganz. Sollen die doch hupen, ist mir egal! Wir stampfen die letzten Hügel hoch, schön aufgereiht, einer nach dem anderen. Das monotone Treten erinnert mich an eine alte Dampflokomotive, bei der sich die Kuppelstangen im immer gleichen Rhythmus hin und her bewegen. Von der spektakulären Aussicht auf das Mittelmeer kriege ich auf diesen allerletzten Kilometern nur wenig mit. Mein Blick ist auf die vorausfahrende Sattelstütze gerichtet, zu wem sie gehört spielt nun keine Rolle mehr. Ungeduldige Autofahrer überholen uns mit einer Handbreite Abstand, aber auch das nehme ich schicksalsergeben hin: Wenn mich einer erwischt, sei’s drum. Es erwischt mich keiner und wir rollen immer weiter Richtung Meer, vorbei an Strandbars und Marktständen, wo sich der Geruch nach Zuckerwatte und frittierten Maiskolben in die herbe Meeresluft mischt. An der Strandpromenade warten riesige Luxusyachten auf ihre Besitzer. Vermutlich vergeblich. Angestellte in weissen Uniformen machen sich auf den Decks zu schaffen, schrubben und polieren mit fast schon unangemessenem Eifer. Gedämpfte Lounge-Musik schwappt aus den Strandbars hinüber, erinnert an vergangene Sommerferien und Aperol Spritz mit viel Eis. 

Wir passieren die engen, kurvenreichen Strassen und tauchen ein in die surreale Welt des kleinen Stadtstaats. Die Boliden, die sich hinter uns stauen, lassen trotzig ihre Motoren aufbrummen. Sie scheinen vollkommen überdimensioniert für diese Stadt. Monaco erinnert mich an eine dieser filigran gearbeiteten Puppenstuben, mit einem Dutzend winziger Zimmer, allesamt übervoll mit unendlich vielen noch winzigeren Gegenständen. Zuckerbäckerfassaden in süssen Pastelltönen wechseln sich ab mit charmefreien Verschalungen aus Glas und Beton. Wir nehmen die letzten Haarnadelkurven, schlängeln uns dem Meer entgegen und biegen auf eine unscheinbare Nebenstrasse ein. Der Name unseres Hotels auf einem Wegweiser, dann der Reisebus, der uns Velohelden morgen erschöpft, aber glücklich, wieder in die Heimat befördern wird. Ein paar verstreute Menschen applaudieren am Strassenrand. Ich frage mich, wie es Filmemachern gelingt, Zieleinfahrten in jedem noch so zweitklassigen Imagevideo unendlich viel stimmungsvoller aussehen zu lassen, als sie es in Wirklichkeit sind. Im Schritttempo rollen wir ein. Das Ziel markieren drei Stehtischchen, an denen uns mit Finisher T-Shirts uniformierte Helfern ebendieses in die Hand drücken. Die Ankunft ist unspektakulär und speditiv: Velo wegstellen, T-Shirt in Empfang nehmen, Gratulationen, Umarmungen und Schulterklopfen im Team. Ich spüre noch nicht viel in diesen Minuten. Eine grosse Erleichterung, endlich die Veloschuhe ausziehen zu können. Eine leise Erschöpfung, die sich erst richtig spürbar machen wird, wenn ich versuche wieder aufzustehen, nachdem ich mich hingesetzt habe. Und eine eigentümliche Mischung aus Stolz und Erstaunen. Stolz, dass mein Körper und mein Verstand zu dieser Leistung fähig waren und dass ich bis zum Schluss durchgehalten habe. Erstaunen über die eigene Leistungsfähigkeit und die Tatsache, dass wir in den letzten rund 30 Stunden 572 Kilometer bei glühender Hitze auf dem Velo zurückgelegt haben. Ich sehe meinen Freund hinter den uniformierten Helfern. Die Realität kehrt zurück. Wir umarmen uns und ich spüre, wie sich die Anspannung in mir löst. Ich realisiere: Es ist geschafft. 572 Kilometer, 5’500 Höhenmeter – eine Reise zu meinen inneren Dämonen, die weniger bedrohlich sind, seit ich sie kennengelernt habe.

Thömus Sliker Pro Team gewinnt die Tortour

Thömus Sliker Pro Team gewinnt die Tortour (15. – 18. August 2019) und ist Schweizermeister im Ultracycling

Rund um die Schweiz, von Schaffhausen nach Schaffhausen, 1000 Kilometer bergauf bergab an einem Stück, das ist die jährliche Tortour im August. Das Team unter der Führung des ex-Tour de France Fahrers und Thömus-Mitarbeiters Marcel Wyss mit Patrick Fankhauser, Patrick Fuhrer und Jonas Döring setzte sich dieses Jahr gegen knallharte Konkurrenz souverän durch und wurden auf ihrem treuen Begleiter Sliker Pro (Link) stolze Sieger der Tortour sowie Schweizermeister im Ultracyling. Herzliche Gratulation den harten Jungs!